On the road again

Seit der Rückkehr von unserer langen Reise durch das südliche und östliche Afrika sind nunmehr über 6 Jahre vergangen. Tansania, Sansibar und zuletzt Namibia haben wir seitdem nochmals bereisen dürfen. Das griechische Festland haben wir intensiv erkundet, Jordanien mehrere Woche per Leihauto bereist, dabei die arabische Kultur samt Gastfreundschaft zu schätzen gelernt. Vergangenen Sommer gab es noch eine große Testfahrt durch Kroatien und die slowenischen Alpen. Trotz dieser wunderschönen Erfahrungen bleibt unsere Sehnsucht nach Afrika ungebrochen. Noch größer ist der Wunsch, mit unserem neuen Bus aufzubrechen und neue Orte zu entdecken. Wie schön, dass sich diese Wünsche verbinden lassen und im Februar 2025 nun in Erfüllung gehen.

Mehr als 4 Jahre lang haben wir regelmäßig Zeit und Geld investiert um unseren VW LT35 reisetauglich zu machen. Dabei waren uns oft wertvolle Freunde behilflich, wie Klausi, Aydogan oder Mini, der uns schon vor Jahren immer gerne beim Basteln unterstützt hat und uns obendrein mit Markus, unserem (mittlerweile) Mechanikermeister des Vertrauens bekannt gemacht hat. Letzterer ist uns samt seiner Frau richtig ans Herz gewachsen, hatte er doch für jedes noch so kleines Bus-Wehwehchen eine Lösung. Dass auch er, trotz genauer Wartung und Inspektion, uns nicht vor jedem Unheil bewahren kann, werden wir bald erfahren. Auch anderen lieben Freunden, sowie Ines Mutter und ihrem Stiefvater gebührt an dieser Stelle ein Dankeschön!

Gestatten, ein Drache!

Am Tag vor unserer Abfahrt kribbelt es spürbar. Im Vergleich zur damaligen Reise samt Verschiffung, Zollformalitäten und den Unmengen an Dokumenten, haben wir weniger vorzubereiten gehabt. Damals gab es einen konkreten Plan, eine bevorzugte Route vom Atlantik zum indischen Ozean und rauf zum Äquator, sowie diverse Highlights entlang des Weges. Nun wissen wir lediglich, dass wir in den Süden wollen, jedenfalls Marokko, gerne noch weiter. Möglichst schnell genug um den eisigen Temperaturen zu entfliehen. Vielleicht fühlen wir uns gerade deswegen etwas ruhelos und gehen immer wieder sämtliche Boxen und das Equipment durch. Gerade ich plane auf Reisen gerne, schätze Karten und versuche mir Vorkenntnisse anzueignen. Ines gelingt es meist hervorragend, sich aufs Reisen an sich, die Länder und Menschen direkt und unvoreingenommen einzulassen. Diese Qualität lässt sie jedoch in der letzten Nacht in unserer Wohnung ebenso wenig tief schlafen, wie mich.

Am Morgen lassen wir uns dementsprechend Zeit und packen noch ein paar überflüssige Kleidungsstücke, die “wir ja vielleicht doch noch brauchen könnten“. Wir ignorieren das “vielleicht“ und den Konjunktiv und brechen gut beladen auf. In Dornbirn, am anderen Ende von Österreich, wartet ein warmes Quartier auf uns, das wir in etwa 6 Stunden erreichen wollen.

Wir stoppen nur selten und erleben knapp 600 unspektakuläre Kilometer, bevor wir noch eine steile Bergstraße erklimmen müssen, wo sich unser Hotel befindet. So schön die Aussicht vom Zimmer auch ist, so klirrend kalt ist es in dieser sternenklaren Nacht.

Gestärkt durch das, wohl vorerst letzte, Frühstücksbuffet brechen wir zeitig auf, mit dem Plan die Schweiz am selben Tag zu durchqueren und eine letzte Nacht in einem bereits gebuchten Hotelzimmer im Südosten Frankreichs zu verbringen. Danach soll es rasch nach Spanien weitergehen, wo die Temperaturen im Plusbereich das Nächtigen im Bus wieder erträglich machen sollen.

Kurz nach St.Gallen übernimmt Ines erstmals auf dieser Reise das Steuer. Sie fährt ordentlich und gerade als ich mich entspanne und mich neben ihr einrichten möchte, beginnt das Unheil. Zuerst ein leicht schleifendes Geräusch, dann meint sie mit völlig unentspannter Stimme: “Da leuchtet was auf!“. Auf mein “Jo wos?“ erhalte ich als Antwort: “ABS-Leuchte“. Ines hat manchmal wirklich ein Händchen für solche Episoden. Erinnerungen an den kreischenden Stein in der Bremse, den sie sich (nach wenigen Minuten am Steuer) in Namibias Etosha Nationalpark eingefangen hatte und damit sämtliche Tiere um Umkreis von Kilometern verscheucht hat, werden wach.

Wir fahren die nächste Ausfahrt bei Aarau ab und suchen eine Werkstatt. Dabei nutze ich mein Handy und vergesse, dass die Schweiz nicht zur “EU Daten Roaming-Zone“ gehört. Es klappt auch nur wenige Minuten, da mich danach eine freundliche SMS des Netzbetreibers sofort auf den vollständigen Verbrauch meiner Datenmenge samt schmerzhaften Kostenpunkt hinweist.

Ein VW Betrieb ist zumindest gefunden und nach einer kurzen Problemschilderung macht sich jemand daran, den Bus zu inspizieren. Das hoffen wir zumindest, da die dazugehörige Werkstatt einige Häuserblocks entfernt ist und mitkommen gänzlich verboten ist. Zwei Stunden später, kommt der Servicemitarbeiter mit unserem Bus zurück und erklärt uns in heftigsten Schweizerdeutsch das Ergebnis. Nachdem dem werten Herren die Fähigkeit, sich uns gegenüber verständlich zu artikulieren, spontan abhanden gekommen ist, hilft ein zweiter Mitarbeiter aus: Man habe nichts gefunden oder entdeckt. Das ABS funktioniert jedenfalls nicht. Als Tipp gibt man uns mit, dass wir es bei Mercedes versuchen sollen: “Isch jo gli o Mehhhhrcedesssss“.

So richtig beruhigt, sind wir nicht - insgesamt drei Stunden in Verzug und noch hunderte Kilometer vor uns. So steuere ich recht zügig gegen Westen, schnaube ob der vielen (wenn auch kurzen) Staus. Mein Kopf dreht sich um ABS Sensoren und die dazugehörigen Ringe.

Erst als es dunkel wird, näheren wir uns der französischen Grenze und Ines hat per Navi eine Umfahrung um Genf gefunden, die uns um den obligatorischen Stau herumführen und wertvolle Zeit verschaffen soll. Zwanzig Minuten später stehen wir an einer Kreuzung zwischen zwei Straßenbahnen am Genfer Hauptbahnhof und müssen feststellen, dass auch Ines Nervenkostüm mittlerweile etwas angeschlagen ist. Wenn ausnahmsweise mal Ines statt mir zu fluchen beginnt, dann liegt es an mir den Mund zu halten und im besten Fall die Dinge mit Humor zu nehmen.

Mit neuerlich drei Stunden Verspätung, bei völliger Dunkelheit, passieren wir die Grenze nach Frankreich und hegen erste Zweifel an der Wahl unseres Quartiers. Noch mehr als 300 Kilometer Entfernung, Temperatur am Gefrierpunkt, kein ABS und jede Menge Verkehr auf der, auch in Frankreich, weiterhin zweispurigen Autobahn. Die Entscheidung wird uns quasi genommen, als Ines um einen kurzen Pipi-Stopp bittet und unser Bus beim Bremsen ein Geräusch von sich gibt, das uns schaudern lässt und eher aus Fantasyfilmen bekannt ist. Das laut fauchende und mahlende Geräusch fährt uns wortwörtlich in die Knochen. Am Parkplatz versuche ich zu erkennen, ob beim rechten Hinterrad oder der Bremsanlage etwas zu erkennen ist. Einen Drachen kann ich nicht finden und auch sonst sieht alles in Ordnung aus. Gewiss ist jedoch, dass das Geräusch heftig ist und durchaus mehr unser rechtes Hinterrad plagt, als ein defekter Sensor. Mit letztem Nerv gehen wir alle Optionen durch und entscheiden uns erschöpft dafür, gleich die nächste Abfahrt bei Annecy zu nehmen und ein Hotelzimmer zu beziehen.

Die eisigen Temperaturen passen zu unserer Laune, als wir am Empfang stehen. Die Rezeptionistin ist jedenfalls erwärmend und bietet uns für kommenden Morgen organisatorische Hilfe an, sollten wir solche benötigen. Per Suchmaschine finden wir noch mehrere Werkstätten im Umkreis, von denen der Großteil am Samstag Morgen geöffnet sein sollte. Leider sind sämtliche Google Rezessionen dieser Betriebe, gelinde formuliert, unterirdisch. So unterirdisch, dass selbige Bewertungen die Postfiliale in unserer Heimatstadt als höfliches Kompetenzzentrum durchgehen lassen würden.

Nachdem ich am Abend auch noch meine Französischkenntnisse im Bezug auf Fahrzeugteile aufpolieren durfte, schildere ich am Morgen einer anderen Rezeptionisten unser Dilemma. Auch die Dame gehört zur hilfsbereiten Sorte und ruft sich durch alle Werkstätten durch, die wir ihr samt Nummer unter die Nase halten. Anruf Nummer Sechs oder Sieben fruchtet und wir dürfen am anderen Ende des Ortes bei einer Werkstatt vorbeikommen.

Dort wirft sich ein junger Mechaniker, der sich als “Tony“ vorstellt, kurz unters Fahrzeug und meint nach wenigen Momenten ebenso nichts erkennen zu können (wobei er wohl nicht nach Drachen gesucht hat). Sein Verdacht fällt auf die Handbremse, die zwar funktioniert aber wohl die Ursache, sprich der Drache, sein sollte. Die Hebebühne wird uns verwehrt - so viel Zeit haben sie dann auch nicht. “Pas de probleme“ meint er. Das ABS ist ja eh nur bei Schnee- oder Wasserfahrbahn wichtig. Wir kaufen noch etwas Proviant im Shoppingcenter nebenan, tanken voll und wagen die Weiterfahrt in den Süden. Die vielen Staus stecken wir gut weg und erreichen nach knapp drei Stunden die Abfahrt, die wir am Vortag eigentlich nehmen wollten. Die durchaus reizvolle Strecke ist tagsüber jedenfalls hübsch, führt uns entlang der Westalpen vorbei an Chamonix, wo in den Ebenen darunter hunderte Nussbäume die Landschaft zieren. Als vor Avignon der Verkehr zunimmt und es auch noch heftig zu regnen beginnt, kehr Realität ein. Ines navigiert uns bestens in Richtung Südwesten, wo sich die Wolken langsam lichten und etwas erleuchtendes passiert. Mit der Rückkehr der Sonne hebt sich unsere Stimmung schlagartig. Sie strahlt, wärmt und weist uns den Weg. Diese helle Kugel vermag es, uns etwas zu schenken, dass wir gerade brauchen können: Zuversicht und Optimismus.

Kurz vor Sonnenuntergang ist erstmals das Mittelmeer in Sichtweite. Wir halten in Perpignan, der letzten nennenswerten Stadt vor der spanischen Grenze und lassen uns auch von der horrenden Mautgebühr nicht die Laune verderben. Zu den bereits berappten 40,00 Euro kommen nochmals 76,00 dergleichen dazu. Der Bus hat, wie unsere Nerven, standgehalten und der Drachen faucht zumindest etwas leiser.

Ähnlich wie am Vorabend, recherchieren wir nach Werkstätten, diesmal in Spanien. Optimalerweise zwischen Barcelona und Valencia, was einer guten Etappe entspricht und uns bereits in den Teil Spaniens führt, wo ich mich unterhalten kann und verstehe was geschrieben steht. Der Küstenort Peniscola sticht uns ins Auge. Drei verschiedene freie Werkstätten, allesamt bestens bewertet, sind dort zu finden. Ich war vor rund 14 Jahren schon mal dort und kann mich an eine hübsche Altstadt samt Kreuzritterburg erinnern. Gerne möchte ich mit Ines dort flanieren. Dazu finden sich an den Ortsrändern mehrere Campingplätze, so dass wir zuversichtlich sind, irgendwo unterzukommen.

Die Heimat des Drachen

Am Morgen passieren wir die, auf beiden Seiten zusammengewachsene, Grenzstadt über die Bundesstraße, um kurz darauf in Spanien auf die mautfreie Autobahn aufzufahren. Wieder begleitet uns die Sonne und als wir uns Barcelona nähern, glänzt die Spitze des Tibidabo bereits von weitem. Beim Vorbeifahren schwelgen wir in Erinnerungen. Nicht nur gemeinsam, sondern auch jeder für sich hat die herrliche Stadt schon oftmals bereist und ich lausche Ines, als sie mir eine noch unbekannte Episode erzählt.

In Peniscola angekommen, werden wir mit einer weiteren Befürchtung konfrontiert: Europäische Campingplätze befinden sich häufig am unteren Ende unserer Komfortskala. Zu Eng, zu dicht gedrängt, offensiv zur Schau gestellte Fettbäuche, bellende Hunde und im schlimmsten Fall Kahlschlag soweit das Auge reicht. So präsentiert sich unsere erste Option bereits von außen. Wir verzichten und versuchen beim Campingplatz “El Cid“ unser Glück. Dort bekommen wir den letzten freien (Behelfs-)Platz zugewiesen, der mehr Nische als Parzelle ist.

Ach ja, die Auslastung solcher Plätze in Kombination mit nicht vorhandener Platzwahl drückt ebenso die Skala. Zumindest Bäume und Sträucher säumen den an sich großen Platz.

Die Heizung im Bus hält uns wohlig warm. Eine zweite Decke zum Schlafen darf es trotzdem sein.

Am Morgen finden wir Werkstatt Nummer 1, deren einziger Mitarbeiter auch gleichzeitig der Chef ist. Höflich deutet er auf die vier Autos, um die er sich noch kümmern muss und empfiehlt uns, bei Werkstatt Nummer 2 nachzufragen.

Dort geht es durchaus betriebsamer zu, wobei sich nach wenigen Minuten einer als Chef bzw. Meister entpuppt. In Spanisch trage ich ihm vor, dass etwas an der Bremsanlage rechts hinten kaputt ist, das ABS definitiv nicht funktioniert und er bitte einen Blick darauf werfen soll.

Von Drachen erzähle ich ihm nichts, wobei das in einer Stadt, die als Drehort und Kulisse für Game of Thrones gedient hat, durchaus passend wäre.

Einige Wörter, die mir fehlen, trage ich dem Chef in Englisch vor und wir verstehen uns. Sehr viel besser, als den Schweizer Kollegen selbiger Zunft. Am kommenden Morgen sollen wir wieder kommen, dann erst hat er Zeit. Zuversichtlich begeben wir uns zurück an den Campingplatz, entdecken eine freie Parzelle und dürfen übersiedeln. Unsere charmant neugierigen Nachbarn sind ein pensioniertes Paar aus Bayern, das keine Deutschen mag und Esther, eine Niederländerin, die mit ihren beiden Hunden hier überwintert und gleichzeitig alle Katzen der Gegend durchfüttert. Wir hätten es schlechter treffen können.

Am Nachmittag machen wir uns auf, die Stadt zu Fuß zu erkunden. Interessanterweise befindet sich zwischen unserem Camp und der Uferpromenade ein großes Stück Marschland, das von kleinen dunklen Kanälen durchzogen ist. An der Promenade angekommen, wirkt Peniscola völlig ausgestorben. Kaum ein Lokal hat geöffnet, die Rollläden der Geschäfte sind überwiegend unten. Am Eingangstor zur Altstadt weisen Schilder auf die Serie mit den Drachen hin und zeigen, wie Tyrion Lannister und Lord Varys, ebenso wie wir gerade, auf den Schlossgarten blicken. Oben an der Festungsmauer findet wir ein kleines Café, dass uns zum Sonnenuntergang noch ein Getränk serviert.

Tag 2 unserer spanischen Werkstattbesuchsreihe beginnt und diesmal kommt endlich die Hebebühne zum Einsatz. Nach wenigen Minuten ist dem Meister klar, was zu tun ist. Er leuchtet auf einen kleine Spange, deren Position zufolge sich deuten lässt, dass etwas mit der Handbremse nicht stimmt. Er bestellt uns für den kommenden Morgen wieder. Bis dahin sollen die Ersatzteile angekommen sein. Sind sie, im Gegensatz zum Chef, am kommenden Morgen auch. Wir nutzen die Wartezeit und drehen zu Fuß einige Runden, die uns in ein Café am südwestlichen Ende der Stadt führen.

Dort treffen wir überraschenderweise ein bekanntes Gesicht: Campnachbarin Esther bietet uns einen Platz an ihrem Tisch an. Es gibt Menschen mit denen man sich auf Anhieb versteht. Esther gehört dazu. Es dauert nicht lange, bis wir Ansichten austauschen, den Zustand unserer Gesellschaft und der Welt besprechen. Unsere Wahrnehmungen sind sehr ähnlich und wir schätzen ihre Gesellschaft bis die Rückkehr zur Werkstatt überfällig ist. Dort begrüßt uns der Chef mit funkelnden Augen und sagt: „Mira, mira!“. Wir folgen etwas verunsichert und finden unseren Bus noch immer auf der Hebebühne vor. Etwas irritiert über seine Begeisterung frage ich nach dem aktuellen Fortschritt. “Mira“ sagt er lachend und deutet auf die Bremsscheibe. Die hat tatsächlich dort einen exakten Bruch, wo keine Taschenlampe hinfindet (zumindest solange das Rad noch darauf ist). So einen Bruch an dieser Stelle, habe er in über 20 Jahren noch nie gesehen. Von dort her rührt also seine Begeisterung. Neue Scheiben hat er jedenfalls schon bestellt – nächster Versuch: Mañana!

Am Tag 4 der Werkstatt Odyssee bleibt Ines im Camp um Wäsche zu waschen und ihren ramponierten Füßchen eine Pause zu gönnen. Sie hat sich in den letzten Tagen, ob einer falscher Schuhwahl oder eines Loches im Socken oder gar Beidem zwei große Blasen eingefangen. Eine Pause in der Sonne samt gutem Buch bin ich ihr sehr vergönnt.

Dem Bus und mir gönnt der Chef am selben Morgen weniger Aufmerksamkeit. Sein Mitarbeiter Igor wird vorstellig und wir tauschen uns über die Arbeitsschritte aus. So freundlich er auch ist, Kompetenz und Erfahrung strahlt er weniger aus. Dass er sich per YouTube-Videos versichert, wie der Einbau funktionieren soll, hebt meine Stimmung nicht. Ein kurzer Abstecher zum Café nebenan soll mich ablenken. Meinem Mechaniker nehme ich ebenso einen Kaffee mit und lade ihn auf eine Zigarette ein. Wenn er schon nicht so kompetent ist, denke ich mir, dann darf er sich wenigstens für einen besonders netten Kunden ins Zeug legen. Wir plaudern in einer Pause ein wenig, er berichtet von seiner Ankunft in Spanien 2019. Zu unsicher die Zukunft, zu düster die Perspektiven, die er in seiner Heimat Ukraine damals wahrgenommen hat. Ob er verheiratet ist frage ich ihn. “Si, claro!“ antwortet er. Mit einer spanischen Frau? “No, no!“ sagt er lachend, eine solche kommt doch viel zu teuer! Stolz zeigt er mir das Hintergrundbild seines Handys, auf dem er samt ukrainischer Frau und Tochter posiert.

Meine wunderbare Frau hat sich überraschend auf den Weg gemacht und ist die knapp 3 Kilometer vom Campingplatz in die Werkstatt gelaufen, um mir willkommene Gesellschaft zu leisten. Erst gegen 17:00 ist das Werk vollbracht und ich lade Igor ein, zur Probefahrt mitzukommen. Das ABS funktioniert jedenfalls und das bei jeder Bremsung. Igors Euphorie teile ich nicht. Ja, die Handbremse zieht ordentlich und in den neuen Bremsscheiben lebt anscheinend kein Drache, trotzdem gehört hier noch nachjustiert. Das macht Igor auch anstandslos und immerhin meldet sich das ABS danach nur mehr beim Anhalten. Mehr Leistung bekommen wir in an diesem Ort nicht und sind trotzdem erleichtert, die Reise am kommenden Tag fortsetzen zu können.

Davor stattet uns Esther am Abend noch einen Überraschungsbesuch ab und schenkt uns ihren Handstaubsauger, den sie in diesem Jahr durch ein größeres Modell ersetzt hat.

Wir wollen sie am Vormittag vor unserer Abreise nochmal treffen und auf einen Kaffee einladen, erwischen sie aber nicht, während sie mit ihren Hunden unterwegs ist. Als wir die Autobahn erreichen und uns im Geiste von Peniscola verabschieden, leuchtet unverhofft die ABS Leuchte wieder auf. Wir nehmen die nächste Abfahrt und drehen um. Ein 5. Werkstattbesuch soll folgen. Verwundert ob unserer Rückkehr blickt mich der Chef an, als ich ihm genervt erkläre, dass er den Fehler doch bitte löschen soll und es mir egal ist, dass er keinen Adapter für den Computer hätte. Er kommt dem Ansuchen nach und findet überraschend rasch eine Lösung. Wir verlassen Peniscola ein zweites Mal und nehmen Kurs auf die historische Hafenstadt Cartagena. Dort warten viele Sehenswürdigkeiten auf uns, an einem Ort, der für uns beide Neuland ist. Höchste Zeit wieder die Welt, statt deren Werkstätten, zu entdecken. Good times ahead!

Sehenswertes Cartagena

Es dämmert, als wir die prächtige Allee am westlichen Ortsrand hinauffahren. In dem ruhigen und aufgeräumten Stadtteil haben wir einen kleinen Stellplatz gefunden, der uns die kommenden Tage als Basis dienen soll.

Cartagena ist eine der wohl ältesten Städte Europas. Funde von bemalten Muschelschalen belegen eine Ansiedlung von Neandertalern vor 50.000 Jahren. Die Karthager erkannten in der vorgelagerten tiefen Bucht einen optimalen Stützpunkt für ihren Seehandel, der durch die ergiebigen Silberbergwerke genährt wurde. Der berühmte Feldherr Hannibal brach von hier zu seiner Alpenüberquerung nach Italien auf. In Cartagenas reicher Geschichte, von der ein Großteil noch in der Stadt zu finden ist, gilt das Römische Theater als unbestrittene Perle. Das noch im 1. Jahrhundert v. Chr. von Kaiser Augustus erbaute Theater ist kurioserweise erst kürzlich zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Während Renovierungsarbeiten an einer Kirche stieß man 1988 zufällig auf das 2000 Jahre alte Theater. Erst seit dem Jahr 2008 ist das archäologische Juwel zugänglich für die Öffentlichkeit und somit auch für uns!

Nachdem wir den örtlichen Bus knapp verpassen, legen wir einen ordentlichen Fußmarsch bis zur Altstadt hin. Dabei genießen wir die frühlingshaften Temperaturen, schlendern durch Gassen, bummeln ein wenig, gönnen uns ein paar leckere Happen und stehen am frühen Nachmittag vor den Pforten des Museums. Auf drei Etagen wird man durch die Funde der Ausgrabungen geführt, wobei im obersten Stockwerk ein originaler Zugang zum westlichen Eingangs des Amphitheaters führt. Das moderne lichtdurchflutete Museum gefällt uns sehr gut. Im Theater geht es über steile Treppen immer weiter hinauf bis wir einen wunderbaren Blick auf die Stadt dahinter erlangen. Die Lage auf dem höchsten Hügel der Stadt macht das Szenario noch schöner. Wir knipsen Bilder, erkunden alle zugänglichen Orte um danach durch die große Parkanlage auf der anderen Seite des Hügels zu spazieren. Hier eröffnen sich außerdem herrliche Ausblicke auf den Hafen samt mehrerer riesiger Kriegsschiffe. Cartagena ist auch Spaniens bedeutendster Marine Stützpunkt.

Das Museo Naval, unten am Hafen, hat leider bereits geschlossen als wir uns für den Besuch entschieden haben. Am Heimweg gelingt es uns wieder, den Bus der Linie 3 um eine Minute zu verpassen. Diesmal darf uns ein Taxi ein Stück weit zurück bringen. Der kurze Plausch mit dem Taxilenker dreht sich um Fußball und die miserablen Ergebnisse der lokalen Mannschaft.

Ich muss an das Bild denken, das eine Auslage in der Altstadt plakatiert hatte: Ein Astronaut, der sagt: “Houston, we have so many Problems“. So hat sich die vergangene Woche oft angefühlt. Heute sind wir ausschließlich glücklich. Im Südosten Spaniens treten wieder Freude, Neugier und Abenteuerlust in den Vordergrund. Good times arrived!

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Kommentare: 8
  • #1

    Mariella (Samstag, 22 März 2025 10:31)

    Super erzählt eure Abenteuerreise. Man bekommt das Gefühl dabei zu sein. � Wünschen weitere tolle Abenteuer ����

  • #2

    Ula (Samstag, 22 März 2025 11:50)

    Wieder spannende Erlebnisse, man kann bei eurer Schilderung so richtig mitleben. Danke! Wir wünschen euch ein gutes Weiterkommen, ohne Schwierigkeiten! Alles Liebe Ula und Josef

  • #3

    Xenia (Samstag, 22 März 2025 12:06)

    Mit neuen Bremsen gehts ja hoffentlich problemlos weiter. Euer Blog liest sich so anschaulich. Schön, dass ihr uns mit auf eure Reise nehmt. Mit Neugier und Frohsinn soll es so weitergehen!!!!! ���

  • #4

    Elisabeth (Samstag, 22 März 2025 13:39)

    So spannend euren Erzählungen zu folgen. Es fühlt sich fast so an als wäre man mit dabei - wie in einem guten Buch. Noch toller ist dabei das Wissen, dass ihr die Dinge in echt erlebt. Ich freue mich schon auf neue Erlebnisse, die euch auf eurer Reise erwarten. �
    Passt auf euch auf! Liebe Grüße auch von Adora

  • #5

    Xandi (Samstag, 22 März 2025 14:59)

    Wieder mal ein spannender Start eurer Reise. Gut das ihr den Drachen besiegen konntet und die Reise gut weiter gehen kann.
    Drück euch ganz fest und dicke Bussis Xandalph und die drei Jungs

  • #6

    Margit (Samstag, 22 März 2025 19:31)

    So schön von euch zu hören es kann nur besser werden alles alles Liebe ich denke so oft an euch

  • #7

    Die Waldis (Samstag, 22 März 2025 22:10)

    Spanien macht einfach vieles wieder gut :-) Schön, dass ihr trotz Anfangsschwierigkeiten nun (anscheinend/ hoffentlich) die sonnigen Seiten des Reisens erleben dürft! Weiter so! Denken oft an euch und freuen uns auf die nächsten Berichte aus der Ferne! <3

  • #8

    Rafiki (Sonntag, 23 März 2025 20:50)

    Hakuna matata nach der erfolgreichen Drachentötung!